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Offener Brief an lisa:2, antifaschistische und antisexistische Gruppe aus Marburg.

24.01.2012 - 14:52 von Sascha Brandhoff

Sascha Brandhoff

Ahoi lisa:2 aus Marburg,

ja, ihr habt uns ertappt. Wir wollten mit Menschen, die offenkundig rechtsgerichtete Gedanken haben und ggf. sogar gewalttätige Tendenzen aufzeigen, ein Bier trinken gehen. Glaubt bitte nicht, dass wir solche Aktionen aufgrund von Sympathie gegenüber rechts- oder linksextremem Gedankengut durchführen würden. Das weisen wir strikt zurück.

Aber es gibt da ein Problem: Ich stehe im Licht der Öffentlichkeit, weil ich die Type bin, die für die Piraten in Waldeck-Frankenberg spricht. Wie ihr bemerkt habt, habe ich im Kreistag ein Amt inne. Ihr nennt es Kreisratsvorsitzender, richtig wäre stellvertretender Kreistagsvorsitzender. Deshalb habe ich leider nicht die gleichen Möglichkeiten wie ihr. Ich kann mich nicht in die Anonymität flüchten. Meine Adresse steht auf der Webseite des Landkreises, meine Telefonnummer auf der Piratenseite und im Online-Telefonbuch. Meine Intention war, Gesichter zu bekommen, damit ich mich auf der Straße nicht fragen muss, ob mir einer der Menschen, die hinter mir laufen, gleich auf die Fresse haut.

Die Rechten behaupten von sich, dass ihre Anonymität zum Schutz vor euch wichtig ist und ihr sagt das gleiche zum Schutz vor Gewalt durch Rechte. Das bringt uns in eine Zwickmühle.

Die Piraten Waldeck-Frankenberg haben als erstes ein Treffen der Parteien organisiert und zu verschiedenen Organisationen wie dem ZDK - Zentrum für Demokratie und Gesellschaft - Kontakt aufgenommen. Auch mit Herrn Becker von der Uni Marburg und mit dem Ikarus-Projekt haben wir Kontakt aufgenommen. Zudem mussten wir mit Schrecken feststellen, dass es keine Beratungsstelle für Aussteiger im Landkreis gibt. Wenn ihr uns also unterstellen wollt, wir wären rechts oder würden einen Kuschelkurs einschlagen, ist das etwas an den Haaren herbeigezogen. Im Übrigen schreibt ihr auch, dass wir die Nationalen Sozialisten zu einem Piratentreff eingeladen hätten. Das ist ebenfalls falsch. Es ging um ein Treffen von Grünen, Linken, SPD, den Piraten und ggf. hätten sich CDU und FDP auch noch dazugesellt. Außerdem wollen wir noch einen Antrag im Kreistag stellen, der die Schaffung einer Beratungsstelle für Aussteiger vorsieht.

Wenn ich z. B. schreibe, dass ich nichts gegen eine nationale Denke habe, beziehe ich das in erster Linie auf euphorische Fußballpartys inklusive Autokorso und sonstigen Ritualen von Menschen, die gerade auf die sportlichen Leistungen der Vetreter ihres Landes stolz sind. Da es bei euch sicherlich auch einige Anti-Deutsche gibt, gehe ich davon aus, dass dies trotzdem ein Problem für euch ist. Ich bin ein großer Fan von einer toleranten und offenen Gesellschaft und möchte den Menschen - weder den Deutschen noch den Angehörigen anderer Nationen - diese Freude des gemeinsamen Feierns und ein wenig Nationalstolz nicht verwehren.

Wie ihr vielleicht merkt, bin ich ein wenig pissig! Zum einen ist es auf eurer Seite nicht möglich, einen Kommentar zu hinterlassen, zum anderen veröffentlicht ihr nur Auszüge aus unserem Schreiben und verlinkt dieses nicht. Das zählt für mich zu schlechter Propaganda. Hier wird ein Text vollkommen aus dem Kontext gerissen und eine Quellenangabe verwehrt. Auf meine E-Mail antwortet ihr nicht und räumt mir auch nicht ein, Stellung zu den Anschuldigungen zu beziehen. Das ist also ein wenig einseitig oder findet ihr nicht?

Kritik ist okay, dagegen habe ich nichts, solange sie sachlich bleibt. Was mich jedoch ebenfalls ärgert: Wenn ihr die Profis seid, was Antifaschismus angeht, warum gebt ihr uns nicht euer Patentrezept? Es ist ja nicht so, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen, sondern ich bin gerne bereit, mir eure Ideen anzuhören.

Ihr kritisiert auch, dass ehemalige Mitglieder der NPD bei den Piraten ein neues politisches Zuhause gefunden haben und stellt in eurem Blog die Frage, ob wir es erreichen wollten, dass die Nationalen Sozialisten vielleicht Piraten werden. Ich sage es mal offen und ehrlich: Ich begrüße es, wenn diese Menschen sich von einer rechten Ideologie befreien und bei uns Mitglied werden wollen. Es wäre wohl das falsche Signal, ihnen den Zugang zur Gesellschaft zu verwehren. Ich sehe die Piraten da in einer Verantwortung und halte es mit den Worten, dass wir eine gute Resozialisierungsmaßnahme sind.

Da ich nun die gleiche eindimensionale Beziehung mit euch pflege wie mit meinen anderen Freunden, stellt sich die Frage ob wir dies nicht ggf. ändern sollten? Oder sollte ich nun vor euch Angst haben als vermeintlich Rechter? Bekomme ich jetzt von euch auf die Kappe oder wollen wir uns mal zusammensetzen und miteinander reden?

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